Rettet die Zivilisation!
Oktober 27th, 2008Bei aller mehr oder weniger klammheimlichen Freude, die man empfinden mag ob der sogenannten “Krise des Kapitalismus”, sollten wir, egal, was geschehen wird, nicht Vernunft, Menschlichkeit und Weitblick verlieren, und vor allem nicht in banausische Barbarei verfallen, die sich so oft als Folge zusammenbrechender Strukturen und Autoritäten einstellt.
Das gehässige “Ich hab’s doch schon immer gesagt” drängt sich dieser Tage oft in mein Hirn, begleitet von ein wenig Schadenfreude, mit der ich vielleicht ehemals systemgläubigere Mitbürger bedenke. Hat mein immerwährendes Unbehagen am Realkapitalismus nun doch Recht bekommen (har!).
Nun freue ich mich aufrichtig, dass gewisse Dinge endlich einmal offen ausgesprochen werden dürfen, selbst im Mainstream - von solchen Tieffliegern wie Fritz Merz und Prof. (Un-)Sinn &Co einmal abgesehen, die immer noch dem abgefahrenen Zug hinterherlaufen.
Die diskursive Hegemonie der Neoliberalen nebst ihrem Neusprech scheint gebrochen. Es darf wieder diskutiert werden in Mainstreammedialand - zumindest für eine kurze Zeit.
Doch wir ahnen es bereits, dass sich vermutlich gaaar nichts ändern wird an der Verteilung der Güter in der Welt. Auch diese Krise wird die Reichen nicht ärmer und die Armen nicht reicher machen. Im Gegenteil, der Bankenbailout ist schon einmal ein schlechter Anfang.
Alte “Eliten” hören nicht plötzlich auf, nach Macht und Reichtum zu gieren, nur weil wir sie mal kurz ohne Maske gesehen haben. Nein, sie arbeiten schon daran, sich reinzuwaschen und den Status Quo zu erhalten, und sie machen Böcke zu Gärtnern allerorten. Kampflos werden sie nicht verschwinden. Man sollte sie vom Thron stoßen, so lange es noch geht.
Das sogenannte “Zeitfenster” einer wirklich möglichen Refomierung des Systems zu etwas besserem droht sich ungenutzt zu schließen, oder, noch schlimmer, jene “Eliten” nutzen das allgemeine Chaos, um sich die Taschen noch weiter vollzustopfen und Strukturen rasch weiter in ihrem Sinne zu ändern. “Schock Doktrin” und “NWO” lassen grüßen.
In der Realität könnte das z.b. so aussehen, dass….
–das allgemeine Chaos genutzt werden wird, um Kriegsrecht und Notstand einzuberufen und in diesem Windschatten die Bürgerrechte ganz und gar abzuschaffen. Was davon dann später wieder eingerichtet wird, muss wieder frisch erkämpft werden.
–diese Krise vor allem den noch vorhandenen Mittelstand enteignet und ihm die materiellen Lebensgrundlagen entzieht, was dann letztendlich alle Bürger zum Spielball administrativer Willkür macht, so wie die Hartz-4-Abhängigen es heute schon sind (sie waren, sozusagen, die unfreiwillige Avantgarde). Der “Schutz des Eigentums” wird auch längerfristig verhindern, dass es eine wirksame Umverteilung zu Gunsten der weitgehend besitzlosen Massen geben wird.
–sich durch zunehmende Vermischung von ökonomischer und politischer Macht sowie Verwässerung der Gewaltenteilung ein de facto totalitäres Machtkonglomerat entwickelt, das sich jeder demokratischen Kontrolle entzieht - zugleich aber die Kontrolle über die Bürger immer weiter ausdehnt.
Aber trotzdem, es gibt momentan diese leise Euphorie, sie sprudelt durchs Internet, durch die Blogs und sogar durch einige Mainstreammedien. Das alte System war auch längst überfällig. Und ob seiner Unfähigkeit, für eine anständige Verteilung der Güter zu sorgen, ist es restlos diskreditiert. Ist das jetzt vielleicht so eine Art “Glasnost”-Gefühl? (-die Russen unter uns mögen das beurteilen).
Vor einigen Jahren haben wir das Ende einer debilen Spaßgesellschaft beklatscht, doch bekamen wir stattdessen die perspektivlose “no future”-Hartz-4-Gesellschaft und staatlich verordnete Terrorphobie. Von “Tutti Frutti” zum Nacktscanner? Nicht unbedingt ein Fortschritt. Und was kommt jetzt?
Bei aller Euphorie, es schleicht sich auch Angst ein. Angst vor dem, was kommen mag. Was passiert, wenn eine atomisierte Gesellschaft, an Konsum und Supermarkt gewöhnt, plötzlich ins Nichts gestoßen wird? Großstädter, die wie die Mastschweine in einem beheizten Stall mit automatischer Nahrungszufuhr gehalten wurden? Und denen die Werbung seit 60 Jahren gesagt hat, dass das so gut und richtig ist? Sie kennen keine Pflanzen und Tiere, sie wissen nicht einmal, wie man Brennholz schlägt und die dümmsten von ihnen haben im letzten Jahr, als die Krise schon abzusehen war, die Kachelöfen in ihren Wohnungen zerhacken und durch ferngesteuerte Gasbrenner ersetzen lassen. Schönen Winter auch noch.
Unsere Großeltern waren sicher 1929 besser vorbereitet. Die Wohnungen hatten Öfen und viele Menschen Gärten und Stallhasen. Wie haben unsere Autonomie an elektrische Kühlschränke und Heizungen abgegeben. Stecker raus.
Aber, kommt es so schlimm? Vielleicht wird auch alles gar nicht so dramatisch, bleibt eine mehr oder weniger kleine Delle in den Bilanzen, und dann geht’s weiter wie gehabt? Nächstes Jahr lachen wir drüber wie jetzt über andere Aufreger der jüngsten Vergangenheit, wie etwa die Vogelgrippe? Es sind schon genug Säue durchs Dorf getrieben worden. Man mag gar nicht mehr hinsehen. Grunz.
Aber damals, Anfang der 90er, zur Krise in Russland, da sah ich Bilder im Fernsehen, die mich erschütterten: Es waren moderne Plattenbauten in Sibirien, wohnlich eingerichtet, Schrankwand im Sozialistischen Stil, Bilder von den Lieben, hübsch gerahmt an der Wand, Fernseher, Bücher, moderne Einbauküche… Insignien der Zivilisation. Aber die Menschen kauerten sich in einer Ecke des Raumes in Decken gehüllt um einen kleinen metallenen Kanonenofen, dessen Abzugsrohr durchs geöffnete (!) Fenster hinausgeleitet wurde, wo es schneite.
Da wusste ich, was immer passieren kann, es kann auch uns wieder passieren. Die Zivilisation ist keine Einbahnstrasse. Sorry, wenn das für Euch ein alter Hut ist. Aber damals, als ich diese Bilder sah, da war ich bei allem durchaus vorhandenen kritischen Bewußtsein, davon überzeugt, dass zumindest zu meiner Lebzeit der Pfad des (technischen und gesellschaftlichen!) Fortschrittes vielleicht in Schlangenlinien verlaufen, aber niemals mehr ganz und gar verlassen werden wird.
Diese existentielle Armut, sie suchte ich in unseren Museen oder in latent-chauvinistischer Manier in der 3. Welt, die eben “noch nicht so weit war”.
Nun aber wusste ich, es geht auch anders herum - was uns im Übrigen auch die Geschichte zeigt, jedoch nicht, wie sie in den Schulen gelehrt wird.
[…und, am Rande, ich merkte zum ersten Mal, wie wir von unseren angeblich so freien Medien belogen werden. Denn all diese Misstände im ehemalig sozialistischen Ostblock wurden von unseren Blockflötenmedien unter der Phrase “erfolgreiche Demokratisierung des Ostens” weggelobt… ja, wunderte sich denn niemand über die miserablen Folgen, die das für einen Großteil der Bevölkerung hatte? Ich dachte ja bis dahin immer, es ginge um einen “Wettbewerb der Systeme”… in Punkto Lebensstandart… fürs Volk…etc… harhar - was war das für eine beschissene Propaganda!!]
Seien wir also auf alles gefasst.Seien wir darauf gefasst, dass die Wirschaft ins Straucheln kommt, die Logistik zusammenbricht, die Arbeitslosenzahl explodiert, die Supermärkte leer bleiben, die Banken schließen und unser Geld nichts mehr wert ist. Seien wir darauf gefasst, dass unsere Regierungen überfordert sein werden und uns höchstens die Bundeswehr zur Hilfe schicken. Wenn es anders kommt, um so besser.
Häme, wie ich sie auch viel im Web finde, führt uns dabei nicht weiter. Klar, auch ich habe schon geguckt, wie stabil die Laternen vorm Bundeskanzleramt sind (wie ich sie einschätze, knicken sie bei Belastung einfach um) und auch ich wünsche so manchen Bankmanager in den Knast und Existenzminimum, Chemnitzer Modell, auf die restliche Lebenszeit.
Ja, man kann sich nun auch amüsieren, über dumme, gierige Pseudoyuppies, die sich alles auf Pump angeschafft haben und dann ohne Hose dastehen werden.
Aber, dann lasst es bei einer Runde auslachen und gebt ihnen dann von Eurer Schale Reis etwas ab. Im Prinzip sind sie nur Opfer, gehirngewaschen und ausgebeutet und dann weggeworfen. Sie haben leider nie das selbständige Denken gelernt. Doch es ist nie zu spät, damit anzufangen.
Denn bei allem, was nun auf uns zukommen mag, können wir eins nicht gebrauchen: Die Fortführung des unmenschnlichen Systems mit anderen Mitteln. Das gegenseitige Fertigmachen und Mobben, das Konkurrieren und sich gegeneinander aufhetzen lassen, Egoismus, Gier und Skrupellosigkeit, was uns hier in diesen Abgrund geführt hat - das verschwindet nicht automatisch, wenn das System einstürzt.
Nein, Charakterschweine gibt es immer und überall, zu allen Zeiten - auch wenn der Turbokapitalismus ein besonders günstiges Habitat* geboten hat für solche Charaktere.
Und leider neigen viele dieser Herrschaften dazu, umso ungezügelter ihre Charaktermängel auszuleben, wenn die kontrollierende Instanz wegfällt.
*(wozu natürlich auch ein totalitäres NWO-Regime geeignet wäre…)
Deshalb - ein naiver + frommer Wunsch für uns alle:
Was immer passiert, bleibt Mensch. Haltet dem Blick Eures Spiegelbildes stand. Schließt Euch zusammen, seid solidarisch, helft und beschützt einander. Teilt. Bewahrt die Infrastruktur. Nützt nicht die Notlagen anderer aus. Jeder von uns. Ganz abgesehen davon, dass auch das eigene Leben eher gewährleistet ist, wenn wir nicht als Einzelkämpfer agieren.